
1, 2, 3. Erwin ist tot. So tot, wie ein Nagetier nur sein kann. Man wächst in dem irrwitzigen Glauben auf, Hamster würden quietschen, wenn man auf sie drauftritt. Bei meinen Kindern soll das anders sein. Ich bin ja immer für Realitätskonfrontation. Schlag der Welt eins in die Fresse, bevor sie dich schlägt, sag ich meinen Kindern immer. Nicht, dass der Hamster mich angegriffen hätte, er war einfach zu reaktionsarm.
Wenn man auf so nen Hamster tritt macht es eher KNACK PLOPP PLOPP
Das Ploppen sind die Augen. So n Hamster ist ja auch mit allerlei Kram gefüllt, der sich bei ner Quetschung zu allen Seiten hin ausbreitet. Das ist nicht eklig, sondern ein physikalisches Gesetz. Nur die wenigsten Nagetiere machen beim Zertreten Quietschgeräusche. Oft wird das mit dem Todesschrei assoziiert, ist aber nur Luft, die sich an den kleinen Stimmbänderchen vorbei presst. Das Quietschen kann lang oder kurz sein, je nachdem was für ein Lungenvolumen der Nager hatte.
Bei Erwin quietschte gar nichts, was wohl an der verklebten Lunge lag, weil er öfter mal im Raucherzimmer stehen musste, wenn er böse war.
Böse war Erwin jeden Abend um viertel vor Acht, wenn wir GZSZ gucken wollten. Dann begann er in seinem ratternden Metallrad zu laufen, als gäbe es keinen Morgen mehr. Dabei sagt man, Hamster wären nachtaktive Tiere. Wir mussten Erwin erstmal beibringen, wann so eine Nacht beginnt.
Als ich meinen Fuß wieder hob, bot sich mir der Anblick eines schrecklichen Tatorts. Erwin war ab den Ohren nur noch Matsche Pampe. Ich bettete ihn so gut es ging mit allem was zu ihm gehörte, und sich vom Boden ablösen ließ, auf einen weichen Haufen aus Gras und Blättern, dann ließ ich den Deckel der Biotonne fallen. Asche zu Asche, Staub zu Staub. Erwin in Biomüll.
Damit er auf biologische Weise Reinkanieren kann. Irgendwann wird er zu Humus und dann reiht er sich wieder in den Nährstoffkreislauf ein und dann regnet er auf uns hinab. Seine ganzen kleinen Seelenatome können fröhlich losschwirren und neues, größeres und reaktionsschnelleres Leben erschaffen.
Als die Kinder endlich zu Hause waren, überlegte ich, wie ich ihnen den plötzlichen Tod Erwins am schonendsten beibringen könnte.
"Kinder, ich habe Erwin zertreten!"
Das Mädchen heulte, der Junge schrie unentwegt "Ich hasse dich!"
Ich sagte ihnen, dass das gelogen war und ich gerade für ein Theaterstück üben würde. Danach suchten wir zusammen drei Stunden vergebens nach Erwin und das Mißtrauen der Kinder wuchs. Ich versprach den Kindern mich am nächsten Tag vollkommen der Operation "Verschollenes Nagetier" zu widmen. Am nächsten Morgen machte ich mich im Internet schlau über psychotherapeutische Einrichtungen für Kinder. Als ich die Preise sah, kam ich von der Idee ab, den Kindern die Wahrheit zu sagen, sondern ihnen einfach einen neuen Hamster zu kaufen. Der war einfach billiger. Realitätskonfrontation ohne Realität. Man muss Prioritäten setzen.
Durch eine Werbung, die plötzlich aufploppte, mit fast demselben Geräusch, wie Erwins Augen rausploppten, lächelte mich eine Werbeanzeige an "Tod ist nicht gleich Tod, manchmal hängt das Leben noch am seidenen Faden und lässt nicht so schnell los". Voodoopriesterin Chantal aus Berlin wirkte sehr seriös und versprach jedes Kleintier ins Leben zurück zu holen. Sie hätte sogar ihren eigenen indianischen Friedhof im Blumenkasten auf dem Balkon mit Südlage.
Ich holte Erwin wieder aus der Biotonne, verpackte ihn in einem Gefrierbeutel und schickte ihn auf die Reise.
Einen Tag später. 15.00 Uhr. DingDong. Ich öffnete die Tür.
"Ich bin Erwiiiiiiiiiiiiiiiiiiiin!", schrie es und streckte mir runzlige, kleine Hamsterpfoten entgegen.
Ich schlug die Tür wieder zu. Dann beobachtete ich das Ding durch den Türspion.
Mich starrten blutunterlaufene Nagetieraugen an, die unteren Lider hingen ein wenig, und aus dem Maul sprudelte unentwegt aufgeschäumter Speichel hervor.
Nun ja, es sah eindeutig wie Erwin aus, was solls. Ich öffnete die Tür erneut.
"Ich bin Erwiiiiiiiiiiiiiiiiiiiin!", schrie es und streckte mir erneut diese ekligen, kleinen Hamsterhändchen entgegen. Wahnsinn, wie da alles wieder zusammengewachsen ist, dachte ich. Scheinbar hatte Chantal aber ein bisschen mit Nadel und Faden nachgeholfen, er hätte auch als Frankensteins Haustier durchgehen können. Beherzt griff ich zu und wollte Erwin wieder in seinen Käfig stecken, doch der garstige Hamster biss sich in meinem Finger fest. Ich versuchte ihn abzuschütteln und nach einem lauten Scheppern merkte ich, dass ich gewonnen hatte. Erwin raste durchs Wohnzimmer und kaute in Windeseile alles an, was er zu fassen bekam. Auch das Kabel des Fernsehers. Erwin explodierte.
Die Geschichte hat übrigens ein alternatives Ende.
Einen Tag später. 15.00 Uhr. DingDong. Ich öffnete die Tür.
"Ich bin der Postboteeeeeee! Und ich habe ein Päckchen.“
In dem Päckchen lag Erwin. Tod, aber immer noch vakuumverpackt. Daneben ein Brief. "Ich habe alles versucht ihren Hamster ins Leben zurück zu führen, doch er weigerte sich. Er sagte, er wolle nicht mehr im Karton leben und im Raucherzimmer stehen, da diskutiere er auch nicht lange. Ich habe nicht den Tierschutz angerufen, weil ich davon ausgehe, dass sie aus ihren Fehlern lernen werden. Liebe Grüße, Chantal."
Ich kaufte einen zweiten Hamster und nannte ihn Erwin. Ich sagte den Kindern, der Krankenhausaufenthalt habe ihn ein wenig verändert und sie glaubten mir. Das kannten sie schon von Opa. Und ich lernte aus meinen Fehlern. Erwin darf den Käfig nun gar nicht mehr verlassen, so kann ich ihn auch nicht mehr ausversehen zertreten. Meinen Kindern habe ich erklärt, damit den Dingen, die man liebt, nichts passiert, muss man sie eben manchmal einsperren.
Abgedruckt im Punchliner Nr. 8, Oktober 2011
