
Ich bin Single, aber nicht zu haben. Und ich bin glücklich; so ganz allein.
Meine Freunde sehen das anders. Die haben auch nach dem Schulabschluss geheiratet und Kinder bekommen, die können das gar nicht mehr so sehen wie ich. Die armen Schweine.
Wenn die fragen, warum ich noch keine Familie habe, betone ich „Bevor ich eine Familie gründe, möchte ich Karriere machen!“ Meine Freunde betonen „Was für eine Karriere willst du denn mit 30 noch machen?“
Und dann spielen sie das biologische Uhrenspielchen. Tick Tack Tick Tack Tick Tack
Ob mir gar nicht der sichere Hafen fehlt, wollen sie wissen.
Sicherer Hafen, sicherer Hafen, papperlapapp; ich bin mein eigener Hafen.
Ich habe überhaupt kein Problem damit bei Pärchenabenden das fünfte Rad am Wagen zu sein, denn symbolisch gesprochen ist man dann nur der Ersatzreifen, der an der Fahrt nicht beteiligt ist und im Kofferraum liegt, heißt, Ersatzreifen kann machen was er will. Und der Ersatzreifen bechert gern mal einen und muss sich nicht mit seinem Partner absprechen, wer denn nun abends zurück fährt. Nur mit dem Taxifahrer und der ist käuflich.
Es ist ja nicht so, dass sich niemand für mich interessieren würde. Als ich mal einen Heiratsantrag bekam, sagte ich dem jungen Herren, dass ich generell ungern Verträge unterschreibe, die mich auf unbestimmte Zeit an ein bestimmtes Angebot binden; habe mich aber für die Offenheit seiner Gefühle bedankt. Bin ja auch kein Unmensch.
Zu meinem letzten Geburtstag schenkten meine Freunde mir einen Gutschein für Elite Partner – Singles mit Niveau. Mit freundlichen Worten aus angstverzerrten Gesichtern „Damit du zu deinem 30 nicht fegen musst.“
Lieber fege ich einen Tag lang den Dreck anderer Leute weg, als den Rest meines Lebens. Ich sagte „Danke, dass ihr wenigstens denkt, dass ich Niveau habe.“
Ihrer Meinung nach bin ich zu wählerisch. Dabei will ich gar nicht viel.
Ein Mann sollte witzig sein, ehrlich, treu, romantisch, temperamentvoll, loyal, nett, zuvorkommend, intelligent, kreativ, unabhängig...
Da unterbrechen sie mich immer und sagen „Denk dran, du suchst einen Mann!“
Blinzel, blinzel
Früher war alles einfacher. Früher wurden einem noch Zettelchen an die Windschutzscheibe gesteckt mit Sätze wie „Du bist sehr schön!“ Auch wenn das H von dem Wort „sehr“ plötzlich hinter dem Ö von dem Wort „schön“ stand, was solls, der Mann kann zwar nicht mit Sprache umgehen, dafür aber mit Frauen. Mit fast 30 muss man seine Telefonnummer ja schon heimlich in dem Handy des Mannes einspeichern und hoffen, dass er zu der Gattung „Nehmt mir mein Handy weg, wenn ich betrunken bin“ gehört und im Suff zufällig meine Nummer wählt.
Alles was ich will ist bloß so nen Typen wie der tätowierte Insasse aus der Serie Prison Break, denn der ist geil, weil der immer nen Plan hat. Und wenn zwei einen Weg gehen, sollte zumindest einer wissen wo es langgeht.
Ehrlich, Single sein ist gar nicht so schlimm. Besonders im Herbst und Winter. Da fällt der Körper in eine Art Winterstarre und da will man eh nur schlafen.
Aber wenn der Frühling kommt, ja, wenn der Frühling kommt, dann muss man raus gehen. Vorbei an all den Menschen, die als Pärchen verkleidet hormonschleudernd durch die blumige Jahreszeit springen. Und da werde ich aggressiv.
Bevor ich morgens das Haus verlasse, spreche ich durch den Spiegel mit mir selbst und sage „Du bist ein glücklicher Single. Denk an deine Karriere, Karriere, Karriere, Karriere.“ Und dann läuft einem auch schon ein Eichhörnchenpärchen vor die Füße „Guck mal. Wir sind sooo süß und sooo verliebt.“
„Verpisst euch! Täglich sterben 100 Tierarten aus. Warum lebt ihr eigentlich immer noch?“
Und dann muss man durch den Stadtpark. Das Gruselkabinett eines jeden Singles. Überall knutschen und fassen sich die Menschen an. Wie ein Virus verbreitet sich das Glück mit den ersten Sonnenstrahlen und zombiartig wanken die Menschen Arm in Arm durch die Straßen der Stadt. Wie ein Epidemie verbreitet sich diese Liebe, gegen die keiner Immun zu sein scheint.
Und dieses verliebte Pärchen in meinem Augenwinkel, dieses verliebte Pärchen schrei ich von der Bank „Jetzt sitzt ihr hier noch glücklich ineinander verschlungen, aber in 3 Monaten, und das ist wissenschaftlich bewiesen, in 3 Monaten, da ists aus mit der großen Liebe. Wenn ihr Pech habt wohnt ihr dann schon zusammen. Heutzutage geht ja alles immer so schnell. Und anfangs habt ihr noch ganz viel Sex, bis einer keinen Sex mehr will und dann guckt der andere dumm. Und dann will er wissen, ob du ihn noch liebst und du sagst natürlich und dann beschuldigt er dich irgendwann, dass du fremd gehst, was sich bei 40% im Nachhinein auch bewahrheitet und dann will er eine Beziehungspause einlegen und dann gehört ihr zu den Menschen, die in einer Beziehungspause leben, wovon die eine Hälfte während der Beziehungspause heiratet, aber jemand anderen, weil die nämlich wissen, wenn man einen Videofilm mit anderen Leuten guckt und dann Pause drückt und sagt, man guckt den ein anderes mal zusammen zu ende, den niemals, niemals in dieser Konstellation zu Ende guckt.“
Und dann kommt plötzlich so ein Typ, der gar nicht aussieht wie der tätowierte Insasse aus Prison Break und sagt, dass du, irgendwo, zwischen all den Todesfallen, die um dich herum warten, ein wundervoller Mensch bist. Und du willst sie ja, diese rosarote Brille, du willst sie ja tauschen gegen diese graue Weltansicht, aber du brauchst eine gegen Kurzsichtigkeit, weil du dich nicht noch mal verlieren willst.
Abgedruckt im Punchliner Nr. 8, Oktober 2011
