
Die Geschichte beginnt an einem Freitagabend.
17.00 Uhr. Ein guter Zeitpunkt zum Sterben. Der Kampf ums Überleben beginnt. Ich stelle den Timer meiner digitalen Armbanduhr auf exakt 61 Stunden.
Dasselbe Spiel wie jeden Freitagabend. Mein Chef hat beide Hände voll zu tun mich rauszuwerfen, weil ich mich weigere ins Wochenende zu gehen und ich die einzige Hürde zwischen ihm und seinem Wochenende bin.
Während ich mich in den Türrahmen meines Büros kralle, reißt und zerrt er wie ein wildes Tier an mir und schreit mich an, ich solle endlich loslassen.
Ich schreie zurück, warum denn? Die da darf doch auch länger bleiben. Haben Sie was Persönliches gegen mich?
Er sagt, nein, was Allgemeines und die da, ist die Putzfrau. Die darf das.
Sofort lasse ich den Türrahmen los und wir stürzen 182 Stufen hinunter und ich bin beim Bahnhof.
Bahn fahren ist toll, besonders bei 29 Grad im Feierabendverkehr und keiner macht die Fenster auf. Besonders die nicht, die direkt darunter sitzen. Dann müssten sie sich bewegen und es könnte ziehen. Der Waggon ist so voll gestopft mit Menschen, Gerüchen und Kohlendioxid, dass die ganze Menschenherde in einen Dämmerzustand fällt und zu halluzinieren beginnt. Mit wackelnden Köpfen und dumm drein grinsenden Gesichtern, sehen wir aus wie eine Wagenladung Hindukühe voll gepumpt mit Valium auf dem Weg zur Schlachterei.
Alle freuen sich und keiner weiß worüber.
Am Hauptbahnhof angekommen werde ich umzingelt von Werbeplakaten, die sich suggestiv in mein Unterbewusstsein fressen, um mir zu sagen „Näher kommen kann so schön sein“ und „Hier oben schmeckt`s genauso gut“.
Ich kämpfe gegen die Manipulation an und gebe auf, nachdem ich sehe, dass sich die anderen Reisenden ebenfalls ergeben. So kann man keine Revolution führen.
So ganz allein. Höchstens gegen sich selbst.
Ich stelle fest, dass Näherkommen gar nicht schön ist, glitzert schweißig und riecht nach toten Füßen, wie der Postschrank in der Firma, weil die Putzfrau nach der Arbeit immer ihre Füße darein hält, damit wir uns fragen, warum uns die Arbeit so stinkt. Mir stinkt nur das Wochenende.
Wenn ich so nem Anzugträger näher komme, frage ich mich, ob ich ihn mal anlecken soll, nur um zu gucken wie’s da oben so schmeckt. Dafür bekommt ein Werbetexter dann 500.000 irgendwas in einer ausländischen Währung, nur damit man nicht gleich ahnt, wie Scheiße die Schokolade in Wirklichkeit ist.
Das ist das Highlight an meinem Wochenende, danach geht es nur noch bergab.
Aus Langeweile und um nicht stumpfsinnig zu werden, koche ich dann alles was von der Woche übrig geblieben ist. In einem Topf. Angeschimmeltes Toastbrot, Wurst, Hüttenkäse und ein halbes Glas Marmelade. Dazu ein Pfund Salz. Wenn ich danach keine Lebensmittelvergiftung bekomme, dann weiß ich es auch nicht. Dann könnte ich die restlichen Stunden wenigstens im Krankenhaus verbringen und den Schwestern schmutzige Sachen nach rufen. Apropos schmutzige Sachen. Ich könnte Mama mal wieder besuchen, aber da hat mich mein hochgradig deliziöses Festmahl schon aus den Latschen gehauen.
Samstag. 18.00 Uhr. Keinen Moment zu früh aufgewacht. Sehe mir Kochsendungen an und verspüre einen Würgereiz. Entschließe mich lieber zu zocken und setze mich vor den PC. Spiele nur die Games über achtzehn, bin ja kein Kind mehr. Bin jetzt so`n Egoshooter und shoote die anderen Egos um. Stell mir manchmal dabei vor es wäre die Putzfrau, die freitags immer länger bleiben darf als ich. Ich ballere ein bisschen mit nem leichten Maschinengewehr rum und werfe die eine oder andere Handgranate. Mir wird spontan Langweilig, weil denen keine Gliedmaßen abfallen, also google ich nach Blutcheats. Ja, Blutcheats, ich brauche mehr Blutcheats. Ist alles noch nicht flächendeckend rot.
Dann werde ich erschossen und muss von vorne anfangen. Hab keinen Bock mehr. Fang oft genug von vorne an, auch ohne virtuelle Welt.
Umschleiche meine DVD-Sammlung und ziehe einen der beide Filme aus dem Regal. Das mal ne Sammlung.
Fight Club. Cooool. Mit eingebauten Blutcheats. Guck mir die Rückseite des Films an und schlag mir selbst eins in die Fresse. Empfinde das Entertainment der heutigen Zeit als zu brutal und würd gern was mit Enten sehen, die sanft auf einem ruhigen See dahin gleiten.
Arte, oder so. Guter Sender. Irgendwas mit Peace, Händchenhalten und Französisch.
Da klopft es an der Tür. Ist schon ein Uhr nachts. Juhu
Hatte mich wohl selbst ohnmächtig geboxt und das gar nicht gemerkt.
Vor mit steht Sonja. Hab ja doch noch Freunde, an die ich mich nicht erinnern kann. Hat sechzehn verschiedene Haarfarben und zerrissene Strumpfhosen.
Das gehört so. Ist jetzt In. Wo lebst du eigentlich, du Vollpfosten?
Frage mich, ob ich länger Ohnmächtig war, als ich dachte.
Lass mich rein, ich muss kotzen, sagt sie gerade noch so. Sie sieht aus, als würde sie von einer Party kommen auf die ich niemals gehen würde. Ich halte ihre Haare, während sie neben meine Toilette kotzt. Endlich lässt mal jemand alles raus.
Ich geh selig schlafen.
Sonntag. Sonja hat in ihrer Kotze geschlafen. Ist ihr total peinlich, also putzt sie gleich die ganze Wohnung mit und wäscht meine schmutzige Wäsche. Besuch bei Mama somit auch abgehakt. Fühl mich für einen kurzen Moment vom Glück überwältigt. Dann schmeiß ich sie wortlos raus. Will meine Einsamkeit zelebrieren. Wenn man dauernd nett ist, hat man bald dreißig kotzende Leute in der Wohnung rum stehen. Erbrechen für den Weltfrieden, Hauptsache ein Hobby.
Aber nicht bei mir.
Versuche mich krampfhaft in den Schlaf zu singen. Schwinge von melodischem Metallshouten zu Kinderliedern um. Fühl mich plötzlich allein und verlassen. Will in den Arm genommen werden. Zähle verzweifelt Putzfrauen die über Wassereimer springen. Funktioniert auch nicht. Beschließe mich in den Schlaf zu Headbängen.
Meine digitale Armbanduhr schlägt Alarm. 61 Stunden der Hölle überlebt. Komisch, kann mich an nichts erinnern. Hab ne dicke Beule am Kopf. Schädel tut weh.
Muss n hartes Partywochenende gewesen sein.
Egal, ist ja Gott sei Dank wieder Montag. Singend und tanzend heiße ich den wundervollsten aller Tage willkommen. Summe mit den Bienen und rieche an jeder Blume. Tanze über den Bahnsteig und verteile Luftküsse. Keine Revolutionen mehr, auch die Schokolade schmeckt.
Ich strahle übers ganze Gesicht in dieser Menge aus Montagmorgenzombies und könnte explodieren vor Freude, dass ich am Leben bin und das Montagmorgen ist. 8.00 Uhr.
