Freier Fall

Schweigend betrachtet er die Stadt.
Seine Schuhspitzen ragen über die Dachkante. Unter ihm das geschäftige Treiben der Menschen. Wie kleine Blutkörperchen wirbeln sie durch den asphaltierten Blutkreislauf und treiben das Herzstück an. Der Puls einer Gemeinschaft, das Leben einer Gesellschaft. Er, ein Antikörper in diesem System. Wie ein Virus, der mit medialen Medikamenten ruhig gestellt wurde und bereit ist abgestossen zu werden.
Die Taschen voll mit Dingen, die für sein Jahrzehnt bezeichnend sein werden und irgendwann als nostalgische Erinnerungen in einem Museum über die Geschichte des 21. Jahrhunderts ausgestellt werden.
Dinge, keine Namen. Sein Name wird dort nicht stehen.
„Das nennt man Vogelperspektive“, sagt plötzlich eine kratzige Stimme hinter ihm, „Es ist keine Perspektive für einen Menschen, denn er sieht alles und dennoch nichts!“
Der junge Mann fährt herum und sieht einen älteren Herren vor sich, mit dunklen Augenrändern und einer Polizeiuniform.
„Kommen Sie nicht näher“, sagt der junge Mann, „sonst springe ich!“
„Das sagen alle. Im Endeffekt springen nur 30%“, sagt der Polizist und räuspert sich.
„Woher wollen Sie wissen, dass ich nicht zu den 30% gehöre?“, fragt er.
„Das kann ich nicht wissen. Ich hab Ihnen nur eine Statistik genannt.“
Der Polizist geht einen Schritt auf ihn zu.
„Kommen Sie nicht näher“, schreit der junge Mann.
„Ich weiß, sonst springen sie“, sagt der Polizist, „Hatten Sie bereits gesagt.“
Der junge Mann lacht. „Sie glauben, ich tu nur so. Sie glauben, ich würde es nicht machen. Ist es nicht so? Ich bin einer von denen, die nur reden und reden. So ist es doch, oder?“
Der Polizist wendet den Blick nicht einmal von ihm ab.
„Hören Sie, ich würde Ihnen gern was anderes sagen, aber tatsächlich reden wir seit drei Minuten. Gehandelt hat noch keiner.“
Der junge Mann presst seine Kiefer zusammen und seine Augen verengen sich.
„Wenn ich jetzt springe, wird die Welt Sie für schuldig halten!“
„Warum?“, fragt der Polizist „Weil ich neben Ihnen stand?“
„Weil Sie mich nicht retten konnten.“
„Wir können uns alle nicht retten. Was wollen Sie damit erreichen? Ein Mahnmal in den Köpfen der Menschen sein? Was meinen Sie, wie lange die sich an Sie erinnern werden? Eine Woche, einen Tag? Sehen Sie das Leben als Spiel. Suchen Sie sich eine Rolle, in der sie sich wohl fühlen, in der Sie bereit sind zu kämpfen. Das hier ist nicht das Ziel.“
Der junge Mann blickt vom Hochhaus auf die Straßen hinunter. Er verlagert sein Gewicht abwechselnd von einem Fuß auf den anderen, dann sieht er den Polizisten an.
„Und was soll ich da draußen in dieser verrückten Welt sein? Ich meine, ich stehe hier und meine Taschen sind voll mit Dingen, die keiner braucht und dennoch ist es fast unmöglich ohne sie zu überleben. Handys, Papiergeld. Was soll ich damit? Den Fährmann bezahlen? Ich habe Plastikkarten auf denen steht, wer ich bin, aber bin ich das wirklich? Warum ist sonst keiner hier?“
„Gib mir dein Handy!“, sagt der Polizist.
„Was?“, fragt der junge Mann überrascht.
„Na los, ich hab nicht den ganzen Tag Zeit!“
Er streckt ihm erwartungsvoll seine Hand entgegen. Der junge Mann greift langsam in seine Hosentasche und holt ein Handy hervor. Er gibt es dem Polizisten.
Der Polizist tritt an die Dachkante heran.
„Gucken Sie mal!“, sagt er und lässt das Handy fallen.
„Was tun Sie da?“, schreit der junge Mann und schaut dem kleinen, schwarzen Gegenstand hinterher, bis es nicht mehr mit dem Auge auszumachen ist.
„Sie können es doch eh nie leiden!“
„Aber, aber warum tun Sie das?“
„Wirf das Geld hinterher. Du wirst sehen, es befreit!“
Der junge Mann sieht den Polizisten an, der ihn sanft anlächelt und ihm zunickt.
„Jeder ist sein eigener Freier Fall!“, sagt er.
Dann wendet er sich ab und geht. Der junge Mann schaut ihm hinterher, bis er hinter der Eisentür verschwunden ist.
Der junge Mann wendet sich erneut dem Abgrund zu. Seine Schuhspitzen ragen über die Dachkante. Unter ihm, die nie stillstehende Stadt. Er leert seine Hosentaschen, breitet seine Arme aus und holt tief Luft. Seine Augen sind geschlossen, als er beide Hände öffnet, um alles loszulassen.
Und das Papiergeld und kleine Zettelchen flattern vom Wind getrieben im schmutzigen Panorama der Stadt.