
Wenn man selbst kinderlos ist, aus Gründen, die ich hier nicht anführen möchte, da ich sonst als nicht tragbares Wesen im Sozialleben gelte, und man „Freunde“ mit Kleinkindern hat, die zu Besuch kommen, ist das ungefähr genauso tragisch, als würde ein Meteorit mit 100.000 h/km auf die Erde zu rasen und alles würde explodieren. Manchmal wäre mir das auch lieber.
Und um nicht in dieser Gesellschaft als Verhaltensauffällig zu gelten, haben auch wir Alibi-Freunde mit Kindern.
Deshalb ist einmal im Monat Pärchen mit Kind Tag. Gestern war so ein Tag.
Boah, was für ein Tag. Ganz pünktlich kamen sie; zwei Stunden zu spät. Aber für Eltern mit Kind ist das ja noch ein tragbarer Rahmen.
Man weiß ja nie was so alles passieren kann mit nem Kind im Schlepptau. Kind kotzt auf dem Weg zum Auto. Kind kotzt im Auto. Kind kotzt auf dem Weg zu Freunden, in dem Fall sind wir das. Es gibt Kinder die kotzen unheimlich viel.
Jedenfalls kamen Rebecca, Frank und der kleine Lukas Wilhelm Leonard Kevin zu Besuch. Hätten ihn auch einfach Horst nennen können, aus dem wird ja eh nie was.
Junge Eltern haben die leider noch nicht strafbare Angewohnheit, über die Türschwelle ihrer Freunde zu treten, ihre Jacken an den Haken zu hängen und ihre Aufsichtspflicht gleich daneben. Fremde Wohnungen, die noch nicht von Kindern besetzt werden, können für andere Kinder zu tödlichen Spielparadiesen werden. Besonders wenn sie den Bewohnern auf den Keks gehen.
Mein Keks zerbröselt von Natur aus ziemlich schnell.
Die ersten 1 ½ Stunden wird dann über die Hochbegabung des kleinen Lukas gesprochen, der sich nasebohrend die Zimmerpflanzen anguckt und als er sich ertappt fühlt, den Popel in den Mund steckt, anstatt ihn in die Pflanze zu schmieren.
Was für ein hochbegabtes Kind, denke ich.
„Hochbegabung ist gar nicht so leicht zu erkennen“, sagt Rebecca.
„War in deiner Familie auch nicht mit zu rechnen!“, sag ich.
Da reißt der kleine hochbegabte Lukas auch schon die DVD-Sammlung aus`m Schrank.
„Ach, der spielt nur. Der sortiert sie dir jetzt alphabetisch“, sagt die Mutti.
„Ja, mag schon sein. Aber vielleicht will ich den Paten nicht neben Pretty Woman stehen haben, sondern alles nach Genre, falls der kleine weiß was das heißt.“
Und der kleine Lukas sagt: „Genre; das. Latein Genus. Bedeutet Gattung, Gruppe, Kategorie.“, dann widmet er sich mit ausdruckslosen Augen wieder den DVD`s.
Oh, Lukas scheint sich für die Horrorfilme zu interessieren. Braves Kind. Hannibal Lecter war auch hochbegabt.
„Jedenfalls machen die immer Einschulungstests“, erzählt Rebecca, „Und Lukas hat es mit seinen 4 Jahren schon geschafft mit dem linken Zeigefinger seine Nase zu berühren.“
Wahnsinn, ist wie Ostern und Weihnachten an einem Tag. Als ich das letzte Mal meine Nasenspitze mit meinem linken Zeigefinger berührt hab und noch gleichzeitig auf einem Bein stand, wurde mir keine Hochbegabung bescheinigt. Den Führerschein haben sie mir abgenommen.
Nachdem Lukas die Bilderreihe „Gelbe Farbe“ von der Wand gerissen hat und ich mich schon gefragt habe, wonach er die jetzt eigentlich sortieren will, hab ich ihn in die Küche gebracht. Da hab ich ihm dann`n paar Zettel und Stifte gegeben und ihn ein bisschen mit `nem Löffel bedroht.
„Das hier, my friend of the sun, ist ein DINA 4 Blatt. Das ist die Fläche auf der du dich heute bewegen darfst. Sonst ist`s mit einem Schlag vorbei mit deiner Hochbegabung.“
Das Kind hat dann auch die nächsten zwei Stunden die Klappe gehalten und Tristan und Isolde in 20 Akten gemalt. Chapeau!
Als wir Rebecca, Frank und Satans Sohn endlich los waren, räumte ich die Küche auf und entdeckte „Satan Sohn`s Vermächtnis“.
Den Edding, den Löffel und die feucht glitzernden Eddingaugen auf dem Löffel.
Das Kind hatte mich im Sack. Woher wusste es von meinem Zwang Dinge mit Augen wie menschliche Wesen behandeln zu müssen? Oder sogar noch ein bisschen besser.
Habe versucht weg zu gucken, musste ihn dann aber doch anfassen.
Habe Mr. Löffel, eigentlich heißt er James Jordan Bruce der III, denn aus ihm wird mal was, ein Mäntelchen aus Küchenpapier gebastelt. Er sieht jetzt ein bisschen wie Luke Skywalker aus. Haben gleich alle Episoden von Star Wars nach gespielt, mit neonfarben bemalten Zahnstochern.
„Mr. Löffel, ich bin deine Mutter“. Hatten wir Spaß. Dann kam Peter. Er meinte, ich würde damit meinen unbewussten Kinderwunsch ausdrücken.
Ich sagte, „Würde ich jemals meine unbewussten Wünsche ausdrücken gäbe es keine Kinder mehr. Und jetzt, excuse moi, ich muss Mr. Löffel noch ein Bettchen bauen. Auch ein kleiner Jediritter braucht seinen Schlaf.“
Peter fragte, ob ich wisse was das Gegenteil von Hochbegabung ist.
Hab gesagt, keine Ahnung. Da meinte er, war auch nur ne rhetorische Frage.
Hab ich auch nicht verstanden.
Der nächste Tag war der schönste meines kinderlosen Daseins. Mr. Löffel und ich haben haben bei Ikea in der Küchenabteilung den Waisenlöffeln fiese sachen zugerufen. Wir haben drei Stunden lang Eier weich geklopft; da ist er richtig gut drinnen. Wir spielten Scharade und Mr. Löffel wollte schon immer mal eine Schusswaffe spielen, das hat uns sogar der Kassierer von der Tankstelle geglaubt.
Ja, Mr. Löffel und ich. Wir waren wie Bonnie & Clyde, wie Bill & Hillary, komme was wolle, wir halten zusammen.
Doch eines Tages geschah es. Mr. Löffel liebte es bei offenem Fenster den Regen zu beobachten.
Und dann, er fiel und fiel viele Meter tief auf die durchnässte Straße, zufälligerweise kam im selben Moment ein Auto und fuhr einfach über Mr. Löffel drüber. Zufälligerweise stürmte und gewitterte es im selben Moment und als wäre es Schicksal traf ihn ein Blitz. In seinen letzten Sekunden hielt ich ihn in meinen Händen. „Es ist so kalt“, sagte er. Der Regen wusch seine Eddingaugen hinfort. Ich wusste es, unser Regen ist sauerer, als man es uns weiß machen will.
Und er sagte:“ Es wird so dunkel!“
Sein kleines, eisernes Herz hörte auf zu schlagen. Und dann waren seine Augen weg. Spontan verlor ich das Interesse an ihm. Peter leider nicht. Im Gegenteil. Sein Herz scheint für behindertes Geschirr zu schlagen. Also, begruben wir ihn im Blumenkasten, damit er immer den Regen sehen kann, den er so geliebt hat.
Und immer wenn der kleine Lukas zu Besuch kommt sag ich „So, my friend of the sun, dies ist die Küche. Das ist der Bereich in dem du malen darfst. Guck mal, ein kleiner freundlicher Löffel. Dem fehlen nur noch Augen.“
Aber Lukas malt keine Augen mehr. Lukas ist jetzt in der Penisphase.
Abgedruckt im Punchliner Nr. 7, Oktober 2010
